Warm-Ups: Icebreaker oder Fettnäpfchen?

Wie Du Warm-Ups sinnvoll in Teamarbeits-Sessions einsetzen kannst und vor welchen Fettnäpfchen Du Dich in Acht nehmen solltest.

Auf dem letzten ComX Barcamp der launchlabs hat unsere liebe Kollegin Martina Schuh eine interessante Session zum Sinn und Unsinn von Warm-Ups gehostet, deren Inhalte und Erkenntnisse sicher für jede Moderatorin und jeden Facilitator hilfreich bei der Gestaltung eigener Formate sind. Die wichtigsten Gedanken aus der Session möchte ich hier, ergänzt um einige eigene Gedanken und Erfahrungen, zum Thema wiedergeben.

Sogenannte Warm-Ups, Energizer oder Ice-Breaker mögen wie eine Kleinigkeit in Workshops und anderen Team-Sessions erscheinen – ein „nice to have“: Sie sind kurz, man kann scheinbar nicht viel falsch mit ihnen machen und es scheint auch nicht zu schaden, wenn man sie beispielsweise aus Zeitgründen einfach weglässt. In meiner Erfahrung als Begleiter von agilen Teams verhält es  sich mit Warm-Ups jedoch genau andersherum: Trotz der Kürze sind sie ein „must have“ für fast jede längere Teamsession und man kann mit ihnen als Facilitator oder Moderatorin sowohl sehr viel erreichen, als auch ebenso viel kaputt machen. Deshalb lohnt es sich, einen genaueren Blick auf sie zu werfen.

Wenn Teams in einem Meeting, einem Workshop oder zu Beginn eines Sprints möglichst schnell produktiv zusammenarbeiten wollen, sind Warm-Ups dazu häufig eine ideale Vorbereitung.

Es sind kurze, spielerische Aufgaben oder Abläufe, die das gemeinsame Denken und Handeln des Teams anregen sollen. Das Prinzip dahinter ist so einfach wie einleuchtend: Ähnlich einem Sportteam, das sich zum Beispiel vor einem Fussballspiel durch gemeinsames Joggen, durch Dehnungsübungen und durch gegenseitiges Zupassen des Balls physisch aufwärmt, um Muskeln, Atmung und Zusammenspiel auf die kommenden neunzig Minuten vorzubereiten, sollen Warm-Ups unsere Köpfe auf die gemeinsame Arbeitssession einstimmen.

Dieser prinzipiell sehr sinnvolle Ansatz kann in der Praxis aber auch leicht nach hinten losgehen: Je nach Situation, Stimmung oder Persönlichkeit können einzelne Teammitglieder durch ein bestimmtes Warm-Up eher gehemmt als motiviert werden. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass sie den Sinn und Zweck einer Übung nicht (an)erkennen, dass sie sich durch den Ablauf peinlich berührt fühlen oder einen Gesichtsverlust durch eine bestimmte Aufgabe befürchten. Insbesondere Warm-Ups, die im beruflichen Umfeld eher ungewöhnliche körperliche Nähe oder Interaktionen zwischen den einzelnen Teammitgliedern erfordern, können starken Widerspruch hervorrufen, genauso wie bestimmte Energizer, die einzelne Teammitglieder vor der Gruppe für einen Moment stark ins Rampenlicht und damit eventuell sogar bloß stellen.

Deshalb ist es als Moderatorin oder Facilitator wichtig, sich im Vorfeld genau zu überlegen, wie sinnvoll ein bestimmter Ice-Breaker in einer spezifischen Situation mit individuell unterschiedlichen Teilnehmenden ist. Als kleiner Leitfaden für solche Überlegungen können vier einfache Fragen dienen:

  1. Was ist das Ziel der zu gestaltenden Session insgesamt?
  2. Wer sind die Teilnehmenden der Session und wie ist deren Zusammenarbeitsstil bisher?
  3. Welches Ziel soll das Warm-Up haben?
  4. Wie gut passt das Warm-Up zu mir selbst?

Kontext

Die erste Frage zielt auf den Kontext des Warm-Ups ab. Was soll insgesamt mit der Session erreicht werden und passt ein bestimmtes Warm-Up zu diesem Ziel? Wenn es beispielsweise um persönlich sehr emotionale Themen in der Session gehen soll, kann ein gemeinsames Warm-Up, das zum miteinander Lachen führt, sehr hilfreich sein. Dagegen kann ein Energizer, der auch nur den Anschein erweckt, dass statt miteinander eher übereinander gelacht wird, Gift für die gewünschte Zusammenarbeit sein.

Teilnehmende

Mit Blick auf die Teilnehmenden und deren alltägliche Zusammenarbeit gibt es gleich mehrere Punkte zu beachten: Wie introvertiert oder extrovertiert sind die einzelnen Teammitglieder? Ein passendes Warm-Up könnte Introvertierten helfen, sich zu lockern und eher Extrovertierten die Chance zum Zuhören und zur Reflexion geben. Dadurch kann das Team in der anschließenden Zusammenarbeit besser auf die Expertisen der unterschiedlichen Charaktere zurückgreifen. Ein schlechter Ice-Breaker wäre den Introvertierten peinlich und eine Bühne zur Selbstdarstellung für die Extrovertierten. Das würde die Zusammenarbeit sicher nicht befördern. Ein weiterer Punkt, der nicht zu unterschätzen ist, ist die Frage nach der Hierarchie unter den einzelnen Personen und wie stark diese im Alltag eine Rolle spielt: Da bei der Teamarbeit Hierarchie häufig ein Hemmfaktor sein kann, wenn es um die Vernetzung von Perspektiven und das Erschließen von Neuem geht, sollte ein guter Ice-Breaker den richtigen Ton setzen, um Hierarchien zumindest temporär abzubauen. Zum Beispiel, indem das Warm-Up den Blick von der aktuellen Rolle einer Person auf sie als Mensch in einer breiteren Perspektive lenkt. Als Ergebnis würden alle Beteiligten während der Übung erfahren, dass sie sich in einem sogenannten Safe-Space befinden, in dem sich jeder als Mensch äußern kann und darf, um ein bestmögliches Gesamtergebnis zu erzielen. Ein schlechtes Warm-Up würde krampfhaft versuchen, Hierarchien einzureißen und dadurch die Mauern eventuell noch höher bauen.

Ziel

Durch die Reflexion zu den beiden vorherigen Punkten lässt sich eventuell auch schon die wichtige Frage beantworten, welches Ergebnis ich mit dem Warm-Up in einer bestimmten Situation erzielen möchte? Geht es einfach nur darum, sich erstmal kennenzulernen? Soll durch physische Aktivität zunächst lediglich das Suppenkoma oder die Morgenmüdigkeit überwunden werden? Geht es darum, vor einer Ideenphase  auf das spielerische Assoziieren vorzubereiten und  die Wirkung der „Scheren im Kopf“ zu vermindern? Oder geht es um eine bewusste Zäsur, die den Übergang vom hektischen Alltagsgeschäft in eine Session zur Reflexion oder einen Strategieworkshop markieren soll?

Ich

Schließlich stellt sich die Frage, wie gut ein Energizer zu mir als Person passt. Das ist wichtig, weil ich als Facilitatorin oder Moderator dem Team die Übung zunächst einmal fachgerecht und überzeugend näher bringen muss, damit sich danach die gewünschte Wirkung entfalten kann. Dabei ist es sinnvoll, zum einen auf grundsätzliche Dinge zu schauen: Liegt mir dieses oder jenes Warm-Up, so dass ich mein Team authentisch zur Teilnahme animieren kann? Kenne ich den Energizer gut genug, um zu verstehen, welche Wirkung er haben kann? Bin ich soweit im Stoff, dass ich den Ice-Breaker anleiten kann, ohne Verwirrung zu stiften?

Zum anderen es gibt auch situative Faktoren, über die es sich nachzudenken lohnt: Habe ich gerade im Moment genügend Energie, um ein bestimmtes Warm-Up anzuleiten oder nehme ich lieber ein anderes, das meine Stimme beispielsweise weniger fordert, aber einen ähnlichen Effekt für das Team haben kann? Fühle ich mich nach sechs Stunden Facilitation noch frisch genug, um einen physisch anstrengenden Energizer vorzuführen?

Durch eine solche Reflexion über die Fragen nach Kontext, Teilnehmenden, Ziel und zu mir selbst fällt es im Vorfeld leichter, einen Energizer zu gestalten, der die Teilnehmenden eine spielerisch leichte Interaktion erleben lässt, sie inspiriert, gute Stimmung fördert und zum gemeinsamen Arbeiten anregt.

Am leichtesten fällt eine geeignete Auswahl sicherlich, wenn man das Team, mit dem man arbeitet schon kennt und weiß, wie es miteinander interagiert. Wenn man das Team und eventuell auch die Umgebung nicht kennt, ist es im Zweifelsfall besser, eher ein „konservativeres“ Warm-Up einzuplanen, das wenig Schaden anrichten kann. Gleichzeitig kann man einen Plan B mit einem stärker inspirierenden Energizer im Hinterkopf haben, für den Fall, dass man während der Session merkt, dass die Voraussetzungen dafür in Bezug auf Team, Stimmung und Raum gegeben sind.

Erfahrene Facilitator*innen haben sowieso einen ganzen Rucksack voller Energizer im Gepäck und können emphatisch auf die aktuelle Situation eingehen. Die zuvor beschriebenen Reflexionsschritte passieren dabei sicher eher in Sekundenbruchteilen und „aus dem Bauch heraus“ als systematisch. Durch einen solchen Erfahrungsschatz entsteht die Möglichkeit, spontan ungeplante Warm-Ups in eine Session einzubauen, wenn man als Facilitator oder Moderatorin merkt, dass ein Team zum Beispiel nicht weiter kommt oder allgemeine Müdigkeit vorherrscht.

Zusammenfassend lässt sich für das erfolgreiche Anwenden von Warm-Ups, Ice-Breakern und Energizern auch genau die Faustregel hervorholen, die sicherlich auf weite Teile der Facilitation und Moderationsarbeit anwendbar ist: „Be overprepared and understructured.“

 

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